Ein Ölfilm auf dem Wasser ist in einer Kläranlage kein Schönheitsfehler. Er stört Abscheideprozesse, belastet die biologische Stufe und landet früher oder später dort, wo er nicht hingehört: im Ablauf oder im Faulturm. Wer dafür ein Bindemittel vorhält, trifft eine Entscheidung, die sich erst im Ernstfall zeigt – nämlich dann, wenn das Material mit Wasser in Kontakt kommt.
Dieser Beitrag ordnet, wo im Klärwerk überhaupt Öl auftaucht, warum wasserfreundliche Bindemittel hier an eine Grenze stoßen und welche Eigenschaften ein Ölbindemittel für Kläranlagen mitbringen sollte. Er zeigt außerdem, wie groß der Materialbedarf bei einer konkreten Ölmenge wird und welche Vorgaben den Einsatz im Anlagenbereich rahmen.
Wo im Klärwerk Öl auftaucht
Öl kommt nicht nur über den Zulauf. In der Praxis sind es meist mehrere Stellen gleichzeitig:
- Zulauf und Rechen: Gewerbliche Einleiter, Hofentwässerung und Havarien bringen Öl und Fette in den Zulauf.
- Ölabscheider und Sandfang: Hier sammelt sich aufschwimmendes Öl gezielt an – als Film auf der Wasseroberfläche.
- Pumpwerke und Schächte: Leckagen an Aggregaten und Hydraulikleitungen hinterlassen Ölspuren auf engem Raum.
- Werkstatt und Betriebsflächen: Ölwechsel, Fahrzeuge, Notstromaggregate – der klassische Fall auf dem Anlagengelände.
- Havarie im Anlagenbereich: Ein Leck an einer Maschine oder einem Tank, das schnell aufgenommen werden muss.
Für jede dieser Stellen gilt: Das Bindemittel trifft fast immer auf Wasser, nicht auf eine trockene Fläche. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Produkt, das wirkt, und einem, das sich vollsaugt.
Warum herkömmliche Bindemittel hier an eine Grenze stoßen
Viele Bindemittel sind als Saugkörper aufgebaut: Sie nehmen Flüssigkeit in Hohlräume auf – ohne zu unterscheiden, ob es Öl oder Wasser ist. Auf einer Wasseroberfläche bedeutet das einen doppelten Nachteil. Erstens verteilt sich die Aufnahmekapazität auf Wasser statt auf Öl. Zweitens wird das Material schwer und sinkt ab.
Ein abgesunkenes Bindemittel ist im Klärwerk besonders unangenehm. Es ist von der Oberfläche nicht mehr abnehmbar, gelangt in den Schlamm und erhöht die Menge, die entsorgt werden muss. Die Trennung von Öl und Wasser, die man eigentlich erreichen wollte, ist damit nicht mehr möglich.
Was ein Ölbindemittel für Kläranlagen können muss
Die Anforderungen an ein Bindemittel im Anlagenbereich lassen sich auf fünf Punkte verdichten:
- Keine Wasseraufnahme: Das Material muss hydrophob und wasserunlöslich sein, damit die Kapazität dem Öl zur Verfügung steht.
- Schwimmfähig bleiben: Auch gesättigt muss das Material oben bleiben, sonst ist es nicht mehr abnehmbar.
- Trennbar sein: Das gebundene Öl muss sich von der Wasserphase trennen lassen.
- Lagerfähig sein: Was für den Ernstfall vorgehalten wird, muss über längere Zeit im Regal liegen können.
- Sauber zu handhaben sein: Kein Stauben, keine kennzeichnungspflichtige Zubereitung, keine Reaktion mit anderen Produkten.
Die zwei Bindemitteltypen im Vergleich
| Kriterium | Bindemittel mit Wasseraufnahme | hydrophober Adsorber (DEUREX PURE) |
|---|---|---|
| Verhalten auf der Wasseroberfläche | saugt Wasser mit, wird schwer | nimmt kein Wasser auf, bleibt an der Oberfläche |
| Zustand nach Sättigung | sinkt ab, nicht mehr abnehmbar | bleibt schwimmfähig, abnehmbar |
| Trennung von Öl und Wasser | nicht vorgesehen | gebundenes Öl lässt sich vom Wasser trennen |
| Materialbedarf | steigt, weil Kapazität anteilig ans Wasser geht | richtet sich nach der Ölmenge |
| Entsorgungsmenge | höher durch mitgebundenes Wasser | belastetes Bindemittel nach aufgenommenem Stoff |
| Arbeitsaufwand | Abnehmen vom Schlamm entfällt nicht | Aufnehmen von der Oberfläche |
DEUREX PURE: belegte Eigenschaften
DEUREX PURE ist ein hochporöser Adsorber auf Basis langkettiger Kohlenwasserstoffe: weiß, watteartig, mit einer Dichte unter 1 g/cm³ und einer Oberfläche von über 3 m²/g. Laut technischer Herstellerinformation bindet ein Kilogramm bis zu 6,55 Liter Öl (Stand Oktober 2025).
Für den Einsatz im Klärwerk sind vor allem diese Punkte relevant: Das Material ist hydrophob und wasserunlöslich, nimmt bei der vorgesehenen Anwendung kein Wasser auf und bleibt auch im ölgesättigten Zustand schwimmfähig. Es lässt sich von der Wasseroberfläche entfernen; laut Hersteller bleiben dabei keine Produktrückstände im Wasser zurück – das Produkt bleibt als Phase auf dem Wasser und wird aufgenommen. Es ist inert, ein elektrischer Nichtleiter und staubt laut Hersteller nicht. Die Herstellerunterlagen nennen als Anwendungsgebiete unter anderem Abwasserbehandlung und -aufbereitung, Reinigungs- und Wasserversorgungsanlagen sowie Industrieölabscheider jeder Art. Die Einstufung als Ölbinder Typ I, II und SF nach BImSch sowie unter LTwS-Nr. 27 ist dokumentiert.
Wichtig für die Einordnung: Laut technischem Datenblatt ist DEUREX PURE biologisch nicht abbaubar. Die Entsorgung erfolgt über Recycling oder thermische Verwertung, abhängig vom aufgenommenen Stoff und den Vorgaben des Entsorgers.
Mengenbedarf: ein Rechenbeispiel mit 200 Litern Öl
Die Kapazitätsangabe wird erst nützlich, wenn man sie auf eine Menge bezieht. Angenommen, im Anlagenbereich müssen 200 Liter Öl aufgenommen werden: Auf Basis der Herstellerangabe von 6,55 Litern Öl je Kilogramm ergibt sich ein Materialbedarf von rund 31 Kilogramm.
Das ist ein Rechenbeispiel mit offen genannter Rechenbasis, keine Zusage für jeden Einsatzfall. Der tatsächliche Verbrauch hängt von der Ölart, ihrer Viskosität und davon ab, wie viel Öl auf welchem Untergrund gebunden werden muss. Für die Vorhaltung ist die Größenordnung trotzdem die entscheidende Zahl: Sie bestimmt, wie viel Material im Regal liegen muss und wie viel später entsorgt wird.
Rechtlicher Rahmen und Betrieb
Bei Öl im Anlagen- und Gewässerbereich gilt mehr als das Datenblatt. Relevant sind die AwSV, die DWA-Merkblätter 715 und 716 sowie die VDI 4089. Eine zentrale Zulassungsstelle für Ölbindemittel gibt es nicht; die Anwendung im Einzelfall sollte vorab mit der zuständigen Behörde abgestimmt werden. Aussagen zu Grundwasserschutz oder zu einer Eignung für sämtliche Gewässer lassen sich daraus nicht ableiten – maßgeblich sind die örtlichen Vorgaben und die Freigabe durch die verantwortliche Stelle.
Für den Betrieb heißt das: Das Bindemittel ist ein Baustein, kein Ersatz für betriebliche Maßnahmen am Abscheider, für die Überwachung der Einleitungen oder für die Abstimmung mit der Behörde.
Bevorratung: was im Regal liegen sollte
DEUREX PURE ist laut Hersteller dauerhaft lagerstabil, verdirbt nicht und reagiert nicht mit anderen Produkten. Für die Vorhaltung im Klärwerk sind vor allem handliche Gebinde sinnvoll, die sich im Anlagenbereich tragen lassen: Kunststoffeimer mit 1 kg und 3 kg, Papiersäcke mit 5 kg, Netzsäcke mit 4 kg, Netzquadern mit 5 kg sowie Netzschläuche für engere Stellen. Havarie-Sets mit 25 Stück pro Karton enthalten zusätzlich Gummihandschuhe und einen Kunststoffmüllsack – praktisch, wenn der erste Zugriff schnell gehen soll.
Verpackungs- und Palettenangaben stammen aus dem Verkaufsflyer, nicht aus dem technischen Datenblatt. Prüfen Sie vor der Bestellung, welche Gebinde für Ihre Anlagenbereiche passen.
Die Auszeichnung
Die Entwicklung hinter DEUREX PURE wurde 2017 mit dem Europäischen Erfinderpreis ausgezeichnet. Preisträger war der Erfinder Günter Hufschmid.
Der nächste Schritt: Ihr bisheriges Bindemittel vergleichen
Ob sich der Wechsel lohnt, lässt sich nicht aus einem Datenblatt ableiten, sondern nur aus dem Abgleich mit dem Produkt, das Sie heute einsetzen. Im KPS Ölbindemittel-Effizienzcheck nennen Sie Ihr bisheriges Ölbindemittel – Hersteller- oder Produktname genügt. Dazu Name, Unternehmen und geschäftliche E-Mail-Adresse. Verbrauchs- oder Kostendaten brauchen Sie nicht. Der Vergleich wird von uns persönlich erstellt und betrachtet Ölbindekapazität, Materialverbrauch, Kosten und möglichen Arbeitsaufwand. Ein automatisches Ergebnis gibt es nicht.
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Häufige Fragen zum Ölbindemittel in Kläranlagen
Warum sinkt Ölbindemittel im Klärwerk ab? Weil es bei Wasserkontakt Wasser mitsaugt, schwer wird und seine Aufnahmekapazität teilweise an das Wasser verliert. Hydrophobe Adsorber nehmen kein Wasser auf und bleiben auch gesättigt schwimmfähig.
Kann DEUREX PURE im Ölabscheider eingesetzt werden? Die Herstellerunterlagen nennen Industrieölabscheider als Anwendungsgebiet. Die konkrete Anwendung richtet sich nach der Anlage, den betrieblichen Vorgaben und der Abstimmung mit der zuständigen Stelle.
Wie viel Material muss für eine Havarie vorgehalten werden? Als Orientierung gilt die erwartete Ölmenge geteilt durch die Aufnahmekapazität. Bei 200 Litern Öl sind das auf Basis der Herstellerangabe von 6,55 Litern je Kilogramm rund 31 Kilogramm, plus Reserve für Nacharbeit.
Wie wird gebundenes Öl entsorgt? Über Recycling oder thermische Verwertung, abhängig vom aufgenommenen Stoff. Der Brennwert liegt laut Hersteller bei 40 bis 45 MJ/kg. Der Entsorgungsweg wird im Einzelfall mit dem Entsorger und der zuständigen Behörde abgestimmt.
Ist DEUREX PURE biologisch abbaubar? Laut technischem Datenblatt nicht. Belegbar sind stattdessen die Wasserabweisung, die Schwimmfähigkeit und die Trennbarkeit vom Wasser – das sind die Eigenschaften, die im Anlagenbereich zählen.
Fazit
In einer Kläranlage entscheidet nicht der Kilopreis über die Wirkung eines Ölbindemittels, sondern sein Verhalten bei Wasserkontakt. Ein Material, das Wasser mitsaugt, verliert Kapazität und verschwindet im Schlamm. Ein hydrophober Adsorber bleibt an der Oberfläche, lässt sich abnehmen und trennt das Öl vom Wasser. Wer heute ein Bindemittel einsetzt und wissen will, ob es für den Anlagenbereich die richtige Wahl ist, muss es nicht selbst herausfinden: Es genügt, den Produktnamen zu nennen.
